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Wölfe sorgen für drangvolle Enge im Saal (16.11.2012)

Statt 40 verfolgen 150 Interessierte Referat über Rückkehr dieser Wildtiere

Barnstorf - Von Anke Seidel. Die Faszination Wolf wirkt wie ein Magnet: Nicht die erwarteten 40, sondern rund 150 Gäste strömten am Mittwochabend ins Barnstorfer Hotel Roshop. Dr. Britta Habbe, Wolfsbeauftragte der Landesjägerschaft, enttäuschte sie nicht.

Denn in ihrem Vortrag auf Einladung des Fördervereins der Stiftung Naturschutz entzauberte sie den Mythos vom bösen Wolf mit vielen Fakten und einem kräftigen Schuss Humor – und stellte ein atemberaubendes Wildtier vor, das sich über kurz oder lang auch im Landkreis Diep holz ansiedeln wird. Daran ließen die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die Britta Habbe präsentierte, nicht den Hauch eines Zweifels – und ebenso wenig daran, dass die Chance einer Begegnung zwischen Mensch und Wolf äußerst gering ist. Britta Habbe konnte nicht sagen, ob und wann das Wildtier in den Landkreis Diepholz zurückkehrt: „Vielleicht schon morgen. Vielleicht erst in drei bis vier Jahren.“ Die Chancen dafür stufen Fachleute für den Südkreis als „eher hoch“ ein, für den Nordkreis als „mittel“.

Der letzte Wolf – das wusste auch Burchard Upmeyer, Fördervereins-Vorsitzender der Stiftung Naturschutz – war in Deutschland 1904 erlegt worden. Hoffentlich der allerletzte, denn sein Artenschutz- Stellenwert hat sich absolut gewandelt: „Der Wolf genießt heute den höchsten Schutzstatus, den es gibt“, betonte Britta Habbe. Wer einem Wolf etwas zuleide tue, der müsse mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren rechnen.

Erst seit den 1990er Jahren gebe es in Deutschland wieder Wölfe, 2000 seien die ersten Welpen in der Lausitz geboren worden. Durch Vermehrung sollen sie sich ihre historischen Reviere zurückerobern dürfen. Sollte sich ein Wolf mit einem wilden Hund paaren, so würden deren Welpen „aus der Natur genommen“.

Wie kommen Fachleute dem bis zu 50 Kilogramm schweren Wildtier mit den bernsteinfarbenen Augen auf die Spur? Fotos und Kurzvideos dienen Experten ebenso als Beweise wie die acht Zentimeter (!) großen Trittsiegel im typischen geschnürten Trab – und ebenso die charakteristischen Bissspuren an Wildtier-Kadavern: „Wölfe töten ihre Beute mit einem Biss“, stellte die Wolfsexpertin klar.

Die aussagekräftigsten Beweise liefert jedoch der Kot der Wildtiere, die so genannte Losung. Per DNA-Analyse können Fachleute nicht nur jedes einzelne registrierte Tier entlarven, sondern auch dessen Speisezettel: Haar- und Knochenreste geben zweifelsfrei Auskunft über die Beute.

Das Wildtier Wolf ernährt sich demnach zu 54 Prozent von Rehwild und zu 18 Prozent von Schwarzwild. Warum Wildschweine vergleichsweise selten auf dem Wolfsspeiseplan stehen, zeigte die Biologin im Kurzvideo eines Jägers: Zu sehen sind zwei Wildschweine, die einen wenig selbstbewusst wirkenden Wolf vertreiben.

Natürlich würden Wölfe auch Schafe reißen, wenn die nicht wirksam gegen den Jäger auf vier Pfoten geschützt sind: „Der Wolf nimmt, was er kriegen kann“, so die Expertin der Landesjägerschaft. Aber sie zeigte ebenso, wie wirksam Elektrozäune Schafe schützen können.

Und wie gefährlich ist der Wolf für den Menschen? „Es hat definitiv Übergriffe auf Menschen mit tödlichem Ausgang gegeben“, so Habbe. Sie nannte neun Fälle in Europa im Zeitraum zwischen 1960 und 2005 – und ebenso Vergleichszahlen: „35 000 Menschen werden allein in Deutschland jährlich von Hunden oder Katzen verletzt.“ Nicht zu vergessen sei: „Weltweit sterben jährlich 150 Menschen durch herunterfallende Kokosnüsse.“ Habbes Botschaft: Haustiere sind für den Menschen weit gefährlicher als der Wolf.

Wie schwer es ist, einen echten Wolf von ähnlich gezüchteten Hunderassen zu unterscheiden, ließ die Biologin ihre Zuhörer per Bilderraten selbst erfahren.

Aber was tun, wenn man tatsächlich einem Wolf gegenüberstehen sollte? „Wenn Sie sich wohl fühlen, genießen Sie den Anblick, machen Sie ein Foto und schicken es mir“, warb die Referentin, ihr alle Hinweise und Spuren zu melden (E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!). „Wenn Sie sich unwohl fühlen, machen Sie lautstark auf sich aufmerksam. Spätestens dann wird der Wolf flüchten.“

Wölfe leben in Familiengruppen. Diese Rudel bestehen aus dem Elternpaar, Jährlingen und Welpen. Im Schnitt besteht ein Rudel aus acht Tieren. Mit der Geschlechtsreife (zwischen elf und 22 Monaten) müssen die Jungtiere die Eltern verlassen und sich ein eigenes Revier suchen. Dabei wandern sie aus – in einer Nacht bis zu 70 Kilometer. Deshalb bleibt die Wolfsdichte in einer Region konstant. Das Territorium eines Rudels ist durchschnittlich 20 000 bis 30 000 Hektar groß. Das entspricht beispielsweise dem Gebiet der Samtgemeinde Barnstorf plus der Stadt Twistringen.Heute leben zwölf Rudel in Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen (Truppenübungsplatz Munster). In Niedersachsen sind außerdem mehrere Einzelwölfe gesichtet worden – vermutlich auf der Suche nach einem Partner für die Familiengründung. Wölfe leben monogam und können nur einmal im Jahr Nachwuchs zeugen. Genetisch belegt ist übrigens der Fall eines Wolfes, der unbemerkt von Italien bis Süddeutschland gewandert ist.

Britta Habbe lag viel daran, ihrer Zuhörer davon zu überzeugen, dass von normalen Wölfen keine Gefahr für den Menschen ausgeht. Man dürfe diese Tiere aber auf gar keinen Fall füttern: „Ein absolutes No Go!“ http://www.wildtiermanagement.com

Quelle: Diepholzer Kreiszeitung vom 16.11.2012