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Ausgabe 2011

Die Welt der Libellen an Schlatts

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Südliche Binsenjungfer

Unglaubliche Flugmanöver, in wildem Zickzack über die Wasserfläche rasen, in der Luft verharren, segeln, sogar rückwärts oder seitwärts fliegen – so kennt jeder Libellen.

Diese wunderschönen und farbenprächtigen Insekten sind faszinierend und wirken zugleich auch exotisch und fremd – obwohl sie schon vor 250 Millionen Jahren (und damit früher als die Menschen) auf dieser Erde waren. Bis heute hält sich jedoch die schon immer unbegründete Befürchtung sie würden beißen oder stechen.

Zur Zeit der Saurier entsprachen Größe und Körper der Libellen bereits in etwa den der heutigen Arten. Sie haben sich in dieser Zeit nur unwesentlich verändert.

Fremd wirken sie vielleicht, weil sie so unvermittelt erscheinen. Nur wenige wissen, dass dieser fliegende Edelstein, den sie sehen, nur ein kurzer und abschließender Abschnitt im Leben der Libelle ist. Die längste Zeit ihres Lebens leben Libellen als unscheinbare und räuberische Larve im und am Wasser, der man die spätere Pracht nicht ansieht.

Die Anforderungen an die Kinderstube sind bei den Arten verschieden. Einige Arten sind sehr spezialisiert und wählerisch.

Artenschutz bedeutet Schutz des Lebensraums, den die Arten benötigen. Seit ihrer Gründung 1984 hat die Stiftung Naturschutz die ökologische Bedeutung, aber auch die Gefährdung der Schlatts erkannt.

Mit dem Schlattprogramm der Stiftung werden über 300 Gewässer im Landkreis Diepholz betreut. Diese haben sich zu einem wertvollen Lebensraum für Tiere und Pflanzen entwickelt. Für manche Arten stellen sie ein Refugium dar.

Mit den Sanierungen wurden auch gezielte Maßnahmen für bestimmte Arten umgesetzt. So haben nicht nur Laubfrosch & Co. davon profitiert, sondern auch Libellen.

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Die zwei Leben der Libellen

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Herbst-Mosaikjungfer

Man unterteilt Libellen in die zwei Gruppen: Großlibellen und Kleinlibellen. Sie führen zwei Leben, eines als Larve unter Wasser und eines als fliegendes Insekt (Imago). Die Larven entwickeln sich in ein bis fünf Jahren zu den geflügelten Imagines, die nur einen Sommer leben. Diese sind fast ausschließlich in den Lüften aktiv.

Durch ihre zweigeteilte Lebensweise sind sie wichtige Anzeiger für den Zustand ihrer Lebensräume. Ihr Vorkommen gibt eine wichtige Hilfe zur Beurteilung der Qualität der Gewässer und ihrer Umgebung.

Vom Ei zur geflügelten Libelle

Die Libellen durchlaufen in ihrem Leben verschiedenen Entwicklungsstadien für die sie je nach Art unterschiedliche Strukturen benötigen. Ausschlaggebend sind beispielsweise

• Gewässerbeschaffenheit, wie Fließgewässer, Stillgewässer, wechselnde Wasserstände
• Gewässerböden, wie Kies, Sand, Pflanzenreste
• Pflanzenbewuchs, wie Gehölze, Röhricht, Schwimmblätter.

Zunächst legen die geflügelten Insekten die Eier im Flug über dem Wasser oder aber durch Einstechen in Wasserpflanzen ab. Die aus den Eiern schlüpfenden Larven entwickeln sich ausschließlich im Gewässer und führen ein räuberisches Leben. Sie fangen alles, was sich bewegt, vorwiegend Larven von Wasserinsekten und andere Kleinstlebewesen.

Nach einer Reihe von Häutungen entwickelt die Larve sich im letzten Stadium zum erwachsenen Tier und verlässt das Gewässer. Auch für den Schlüpfvorgang müssen bestimmte Strukturen - Pflanzen, Steine, Sand, usw. zur Verfügung stehen.

Die nun folgende Metamorphose ist ein faszinierender Vorgang. Aus der recht unförmigen Larve wandelt die Libelle sich in ein geflügeltes, schillerndes Tier mit einem langen Hinterleib, großen Flügeln und halbkugeligen Facettenaugen (Bild oben). Mit etwas Glück lässt sich die Verwandlung auch am Gartenteich beobachten.

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Die Imagines

Die ausgewachsenen Tiere leben meist fernab vom Gewässer in schützenden Baumbeständen, um auf Insektenjagd zu gehen. Werden die Tiere geschlechtsreif, kehren sie an die Gewässer zurück. Für die Paarungen ist ein Strauch- und Krautbewuchs in Ufernähe von Bedeutung.

Die Paarung ist eine in der Insektenwelt einmalige Erscheinung. Beim Hochzeitsflug bildet das Männchen mit dem Weibchen eine Art Rad oder Herz. Nach der Paarung legt das Weibchen die Eier ab.

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Schlatts - ein wichtiger Lebensraum für Libellen

Bei den Schlatts handelt es sich um Gewässer, die in und nach den letzten Eiszeiten ihre geologische Grundform entwickelt haben. Ihr „Lebenselixier“ ist das Oberflächenwasser, welches von einer wasserstauenden Bodenschicht gehalten wird. Ein Anbindung an das Grundwasser besteht meistens nicht.

An Schlatts kommen verschiedene Libellenarten der Stillgewässer vor, gelegentlich auch Arten, die eher moortypisch sind. Sehr oft zeigen Schlatts stark schwankende Wasserstände im Laufe eines Jahres auf. Gerade an diese ständigen Veränderungen eines Gewässers sind bestimmte Libellenarten besonders gut angepasst. Für das Vorkommen der einzelnen Arten sind verschiedene Faktoren ausschlaggebend, wie Größe, Tiefe, Besonnung, Wasserdynamik/-chemie, Bewuchs der Gewässer und die Struktur der Umgebung.

Über die Qualität des Gewässers sagt die Anzahl der Arten allein noch nichts aus. Es können an kleineren ausgetrockneten Senken vielleicht nur zwei oder drei Arten vorkommen, die dafür aber hoch spezialisiert und selten sind. Ausschlaggebend sind die Zusammensetzung und die Individuenzahl der einzelnen Arten.

Gefährdung

Heidelibelle
Gefleckte Heidelibelle

In den letzten Jahrzehnten sind naturbelassene Feuchtgebiete und Stillgewässer mit unterschiedlichsten Strukturen stark zurückgegangen und mit ihnen Libellenarten, die bereits in den Roten Listen geführt werden. Ursachsen hierfür sind vielseitig, wie Düngereintrag, Verfüllen oder Trockenlegen, Verbuschung und Verlandung, Aussetzen von Fischen, Erholungsnutzung, Entfernung von Ufervegetation, Unterhaltungs- bzw. Ausbaumaßnahmen. Schon ein Faktor wirkt sich negativ nicht nur auf die charakteristischen Libellenarten sondern auch auf die ökologische Bedeutung insgesamt aus.

Mit dem Schlattprogramm der Stiftung Naturschutz im Landkreis Diepholz konnten über 300 Gewässer als ökologisch wertvolle Lebensräume erhalten werden. Kartierungen der Libellen in den letzten Jahren belegen, dass eine deutliche Zunahme gefährdeter Arten im Landkreis Diepholz zu verzeichnen ist.

Gewässer sind dynamische Lebensräume, die einer ständigen Entwicklung unterliegen.

Diese Entwicklungen führen zu Veränderungen der Lebensraumstrukturen, die sich auch auf die Artenzusammensetzungen auswirken. Daher führt die Stiftung Naturschutz an von ihr betreuten Gewässer regelmäßig Strukturkartierungen durch. So werden strukturelle Veränderungen erfasst und wenn erforderlich, Maßnahmen ergriffen.

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Literatur zu Libellenvorkommen im Landkreis Diepholz

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Kern, Dietrich: „Fliegende Edelsteine – Libellen im Landkreis
Diepholz“, Weyhe, 2010,
ISBN 978-3-9812556-3-8

Strnadová, Martina; Borstelmann, Gerd: „Fliegende Edelsteine
- Die Libellenwelt der Schlatts im Landkreis Diepholz“, Stiftung
Naturschutz im Landkreis Diepholz (Hrsg.), 2003

Die Stiftung Naturschutz im Landkreis Diepholz dankt besonders dem Libellenexperten Dietrich Kern für die fachliche Unterstützung, die Bereitstellung seiner Aufnahmen, Texte und Erfassungsergebnisse.