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Ausgabe 2008

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Alle Fotos: Stiftung Naturschutz im Landkreis Diepholz

Orchideenwunder im Landkreis Diepholz

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Ein Orchideenwunder im Landkreis Diepholz?

Tatsächlich, es gibt bei uns zwei tolle Orchideenbestände, die zumindest in Nord-West-Niedersachsen zu den anzahlreichsten gehören werden. Und wenn man deren Blütenpracht sieht, kann schon von einem „Wunder“ gesprochen werden.

Selbstverständlich sind es nicht die allgemein bekannten „Fensterbank“-Orchideen oder die Urwald-Orchideen tropischer Regionen, sondern die bei uns heimischen Arten, die mittlerweile aber selten geworden sind.

Die Stiftung Naturschutz kümmert sich dabei um die Vorkommen der sog. Knabenkräuter. Wir versuchen, eine bestandssichernde und –fördernde Pflege durchzuführen, die sich an den historischen Nutzungen solcher Standorte orientiert. Das hört sich einfacher an, als es ist.

Aber immerhin ist es uns so gelungen, zwei große Knabenkrautwiesen zu sichern und zu entwickeln. Jetzt wollen und müssen wir unser Orchideenprojekt erweitern, um deren Bestand im Landkreis Diepholz dauerhaft zu sichern.

Wir möchten Sie deshalb auf den nächsten Seiten dieses Mitteilungsblattes einladen, das Wichtigste über die Orchideen bzw. Knabenkräuter im Landkreis Diepholz zu erfahren.

Der Vorstand der Stiftung Naturschutz im Landkreis Diepholz:

Alfons Hallen, Dr. Rüdiger Linnebank, Fritz Halves

 

Die Familie der „Orchideen“

Beim Begriff „Orchideen“ denkt man zunächst häufig an die Pflanzen der tropischen Regionen Südamerikas oder Asiens. Tatsächlich kommt dort der allergrößte Teil der weltweit auf über 25.000 Arten geschätzten Pflanzenfamilie vor. Dort leben sie als sog. Epiphyten oft hoch in den Wipfeln der Urwaltriesen, die ihnen als Wirtsbäume dienen.

Demgegenüber sind unsere heimischen Orchideen eher bodenständig - die rund 60 Arten in Deutschland zählen aber trotzdem zu unseren schönsten Pflanzen.

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Die Knabenkräuter

Die Arbeit der Stiftung Naturschutz richtet sich auf die beiden im Landkreis Diepholz vorkommenden Arten aus der Gruppe der Knabenkräuter, nämlich dem „Breitblättrigen“ und dem „Gefleckten Knabenkraut“.

Der Name „Knabenkraut“ bezieht sich auf die hodenförmigen Wurzelknollen der Pflanzen. Zu Vorzeiten sollen die Wurzelknollen sogar als Stärkelieferant gegessen worden sein. Gehofft wurde dabei auch darauf, durch den Verzehr der hodenförmigen Knollen die Familien durch besonders viele Knaben ergänzen zu können!

In unseren Breiten werden die beiden Orchideen auch häufig als „Kuckucksblumen“ bezeichnet, da sie zum Zeitpunkt der Kuckucksrufe im Mai-Juni blühen.

Die Orchideen einschl. der Knabenkräuter gehören wie z. B. auch die Gräser zu den einkeimblättrigen Pflanzen. Sie besitzen im Gegensatz zu den meisten anderen Pflanzenfamilien parallel verlaufende Blattnerven.

Das Breitblättrige Knabenkraut blüht bei uns mitunter schon ab Ende April, der Mai ist aber sicherlich der Hauptblütemonat. Ihre auffällige i. d. R. rotviolette Blüte zeigt sie auf einem bis zu 0,6 m hohen kräftigen Stängel. Die stängelbegleitenden breiten Blätter sind fast immer kräftig gefleckt.

In etwa gleich groß wird das Gefleckte Knabenkraut. Durch den wesentlich dünneren Stängel und die schmaleren Blätter erscheint es jedoch deutlich zierlicher. Ihre deutlich hellere – eher weißlich bis rosa – Blüte zeigt sie im Juni und Juli.

Beide kommen auf feuchten bis nassen, besonnten Wiesen vor, die in unterschiedlichem Grad vermoort sind. Das Gefleckte Knabenkraut mag in der Tendenz eher saure Hochmoorstandorte und auch Beschattung in lichten Gehölzen und Waldrändern vertragen.

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Entwicklung/Gefährdung

Wie bei allen anderen Orchideenarten ist auch bei unseren beiden Knabenkräutern der Bestand deutlich zurückgegangen. Zum Beispiel wurde das Vorkommen im Bereich der Stadt Bassum 1889 noch als "häufig" beschrieben, während hier heute nur noch 2 Standorte bekannt sind.

Die Gründe sind im Wesentlichen in der Veränderung unserer Landschaft zu suchen. Meliorationsmaßnahmen haben Orchideenbiotope ausgetrocknet, zusätzlich wurden durch Wege- und Straßenbau sowie Flächenumbruch Biotope vernichtet.

Auch Verschiebungen in der Konkurrenz unter den Pflanzen spielt eine Rolle. Botanische Neubürger – sog. Neophyten – sind oft starke Konkurrenten und verdrängen die schwächeren Orchideen ebenso wie Gräser, wenn die Flächen nicht mehr als Wiesen oder Weiden genutzt und gepflegt werden.

Als gesichert können im Landkreis Diepholz augenscheinlich nur zwei Bestände gelten, die beide von der Stiftung Naturschutz betreut werden.

Schutz / Schutzstatus

Die Orchideen einschl. der Knabenkräuter - bzw. die Biotope in denen sie vorkommen - unterliegen einem umfangreichen gesetzlichen Schutz, der seine Basis z. B. in der EGArtenschutzverordnung, dem Bundesnaturschutzgesetz und dem Niedersächsischen Naturschutzgesetz hat. Danach ist es verboten, die Knabenkräuter abzuschneiden, zu pflücken, auszureißen oder auszugraben, sie zu beschädigen oder sie und/oder ihre Biotope zu beeinträchtigen oder zu zerstören. Zusätzlich ist es verboten, diese Pflanzen in Besitz zu nehmen und mit ihnen zu handeln. Ausnahmen hiervon bilden Zuchtexemplare die Sie für den Garten erwerben können.

Die größeren der im Landkreis Diepholz vorhandenen Bestände befinden sich im Eigentum der Stiftung Naturschutz oder vom Land Niedersachsen und sind über die Ausweisung von besonders geschützten Biotopen oder Naturschutzgebieten geschützt.

Die Knabenkräuter unserer Region sind von Pflegemaßnahmen abhängig. Wie bei der historischen Nutzung dieser Feuchtwiesen in Form einer 1 bis 2schürige Mahd werden die von der Stiftung Naturschutz betreuten Biotope gepflegt. Mit gutem Erfolg! Die Bestände haben sich nicht nur stabilisiert sondern auch entwickelt. Ganz wichtig ist dabei das Räumen der Biotopfläche vom Mahdgut, wodurch eine gute Entfaltung der Pflanzen und der Austrag von Nährstoffen gesichert ist.

In Anpassung an die Geländeverhältnisse werden dabei i. d. R. nur handgeführte Geräte und Kleinmaschinen mit bodenschonender Bereifung eingesetzt. Diese kostenintensiven Pflegemaßnahmen werden schon seit Jahren vom Land Niedersachsen über den NLWKN (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz) unterstützt.

Um das Gefleckte und Breitblättrige Knabenkraut im Landkreis Diepholz zu sichern, wird die Stiftung Naturschutz ihr Orchideenprojekt ausweiten. Schon in diesem Jahr sollen neben den beiden stiftungseigenen Orchideenwiesen weitere Flächen überprüft und gepflegt werden. Durch die bisherigen guten Erfolge motiviert, erhoffen wir uns dadurch eine langfristige Sicherung der noch vorhandenen Restbestände und die Besiedlung neuer Flächen.