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Ausgabe 2006

Elegante Segler in unserer Moor- und Agrarlandschaft

Die Wiesenweihen im Landkreis Diepholz

b2006_01Zeichnung: Niedersächsischer
Landesbetrieb für Wasserwirtschaft,
Küsten- und Naturschutz (NLWKN), Faltblatt "Ein Nest im Kornfeld", 2005, Zeichnung M. Papenberg

Nachdem wir im Mitteilungsblatt 2005 mit dem "Laubfrosch 1X1" bereits eine einzelne Tierart vorgestellt haben, möchten wir ihnen in dieser Ausgabe mit dem Poträt der Wiesenweihe eine weitere Art vorstellen. Und das nicht ohne Grund: Einer der wesentlichen Verbreitungsschwerpunkte dieses eleganten Greifvogels liegt im Landkreis Diepholz!

Diese stark gefährdete und auch streng geschützte Vogelart hat es in unserer heutigen Kulturlandschaft nicht leicht. Da die Wiesenweihe als Bodenbrüter überweigend in Wintergetreideschlägen brütet, sind die zur Erntezeit in den Nestern vorhandenen Jungvögel durch die Erntearbeiten gefährdet. Und genau hier setzt die Arbeit der Naturschützer an.

Denn der behördliche Schutz alleine würde wahrscheinlich nicht zum Erhalt der Wiesenweihen ausreichen. Hier ist die Kooperation zwischen den Landwirten, Jägern und Naturschützern gefragt. Also genau das, was die Stiftung Naturschutz seit über 20 Jahren macht.

Wir freuen uns, ihnen ein erfolgreiches Naturschutzprojekt aus dem Landkreis Diepholz vorstellen zu können und wünschen viel Spaß!

Der Vorstand der Stiftung Naturschutz

Alfons Hallen, Dr. Rüdiger Linnebank, Fritz Halves

 

b2006_02Wiesenweihen Männchen (www.birdphoto.fi - Tomi Muukkonen)b2006_03Fünf Wiesenweihen-Junge im Nest in Wintergerste, Nordkreis. Fünf Junge in einem Nest ist selten! Im Mittel haben Wiesenweihenpaare nur 3-4 Junge (Volker Moritz, Oldenburg)b2006_04Wiesenweihenpaar (www.birdphoto.fi - Tomi Muukkonen)

Wiesenweihen - ein ungleiches Paar

Männchen und Weibchen unterscheiden sich in der Färbung des Federkleides völlig. Das Männchen ist überwiegend grau gefärbt, wobei die Flügelspitzen schwarz sind; sie wirken dadurch wie in ein Tintenfass getunkt. Auf der Flügeloberseite hat das Männchen zudem schwarze Bänder. Die Weibchen dagegen sind überwiegend braun bis rotbraun gefärbt, mit deutlich dunklen Bändern auf den Schwingen. Bei ihnen fällt zudem ein heller bis weißer Bürzelfleck auf.

Beide sind möwengroß, haben lange und schlanke Flügel und der Flug ist schwalbenartig leicht. Meist sieht man sie in langsamen Flug, mit leicht V-förmig gehaltenen Schwingen über die Landschaft segeln.

Leben und Lebensräume

Wiesenweihen sind Zugvögel und verbringen den Winter südlich der Sahara - in den afrikanischen Steppen und Savannen. Im Mai kehren sie in die Brutgebiete zurück und zeigen dann auch im Landkreis Diepholz ihre girlandenartigen Balzflüge. Bei uns lebten sie früher in weitläufgen Mooren und Heiden, Röhrichten und vor allem in feuchten Wiesen, daher auch der Name Wiesenweihe.

Seitdem diese Lebensräume vom Menschen immer mehr eingeengt oder zerstört wurden, brütet diese elegante Geifvogelart fast ausschließlch in Getreidefeldern, vor allem in Wintergerste und -weizen sowie in Triticale.

Sie legen ihre unscheinbaren Nester auf dem Boden mitten im Getreidefeld an. Am Boden ist die Zahl möglicher Feinde groß - Nester, Eier und Jungen sind für Feinde leicht erreichbar. Im Getreide droht zudem eine weitere Gefahr: Der Mähdrescher. Die Jungen im Nest sind - wenn das Getreide geerntet wird - meist erst 10-30 Tage alt und damit noch nicht flugfähig. Wie bei anderen Greifvoglearten brauchen sie bis zu fünf Wochen, um flügge zu werden, wobei sie zunächst aus dem Nest laufen und sich - soweit ungestört - noch einige Zeit in dessen Umgebung aufhalten. Hier werden sie auch von den Altvögeln mit Futter versorgt.

Was für ein herrliches Bild, wenn das Wiesenweihenpaar mit einer erbeuteten Feldmaus in den Fängen zum Füttern in das Getreidefeld einfällt oder das Männchen herangetragene Beute in der Luft(!) an das Weibchen übergibt und noch eine Weile die Nestumgebung sichert.

Nahrung sind in erster Linie Mäuse. Unsere Untersuchungen im Landkreis zeigen, dass vor allem Wühlmäuse erbeutet werden. Sind deren Bestände gerade zusammengebrochen, werden auch Kleinvögel erbeutet. Die Männchen versorgen das brütende Webchen unablässig mit Futter. Später müssen die Paarpartner die Jungen gemeinsam füttern.

Bis zu fünf Junge haben sie! Das ist viel, denn damit müssen reichlich hungrige Schnäbel gefüllt werden. Die meisten Paare haben nur 3-4 Junge, manche sogar nur 2 oder 1. Das hängt vor allem davon ab, ob es viele Mäuse gibt. Sind diese reichlich im Nahrungsrevier vorhanden, gibt es meist auch größere Bruten - wenn nicht wird "gespart".

Im Jahr 2005 brüteten in Niedersachsen etwa 70 Paare, im Landkreis waren es 23 Paare mit Besiedlungsscherpunkt im zentralen Kreisgebiet. Da in Deutschland aktuell nur etwa 250-300 Brutpaare nisten, zählt die Wiesenweihe zu den in Deutschland und Niedersachsen stark gefährdeten bzw. vom Aussterben bedrohten Vogelarten. Der Landkreis Diepholz hat bezogen auf das Land Niedersachsen den größten Brutbestand aller Landkreise (2005: ca 30%) und kann darauf stolz sein! Er hat damit aber auch eine besondere Ventwortung für den Schutz und Erhalt eine unserer seltensten Greifvogelarten.

b2006_05Brutvorkommen der Wiesenweihe im Landkreis Diepholz im Jahr 2005 (BUND Diepholzer Moorniederung, Ströhen u. Volker Moritz, Oldenburg)b2006_06Die Hochmoore und Hochmoorrandbereiche der Diepholzer Moorniederung haben als wichtige Nahrungsgebiete der Wiesenweihe eine herausragende Bedeutung. (Volker Moritz, Oldenburg)b2006_07Wiesenweihen-Weibchen (Friedhelm Niemeyer)b2006_08Zwei Junge sind bereits meterweit aus dem Nest gelaufen, obwohl sie noch nicht fliegen können. (Volker Moritz, Oldenburg)

Schutzmaßnahmen und Projektpartner

Seit 1996 beshäftigen wir uns in intensiver mit der Wiesenweihe im Landkreis Diepholz. Btutplätze waren damals noch nicht bekannt; erste Brutnachweise glückten 1997 und 1999 bei Barnstorf an zwei verschiedenen Stellen. Im Jahr 2002 begann die Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Oldenburg in Zusammenarbeit mit dem BUND Diepholzer Moorniederung und gefördert von der Stiftung Naturschutz im Landkreis Diepholz ein spezielles Wiesenweihen-Schutzprogramm unter Einbeziehung von Landwirten, auf deren Parzellen Neststandorte lagen.

Dieses Schutzprogramm wurde ein voller Erfolg: Bis heute gelang es in vorbildlicher Kooperation, über 130 Wiesenweihen vor dem Ausmähen zu retten.

Auch Jäger beteiligten sich am Wiesenweihenschutz. Sie nennen Neststandorte und erlauben auch das Beringen der Jungvögel.

Kooperation zwischen Naturschutz und Landwirten - Wie genau sieht sie aus?

Die Suche nach Nestern der Wiesenweihe ist sehr zeitaufwändig und erfordert viel Geschick und Kenntnisse des Wiesenweihen-Verhaltens. Bei einem Fund wird zunächst der Landkreis kontaktiert - hier wird erfragt, welchem Landwirt die betreffende Parzelle gehört. Dann werden die Landwirte direkt angesprochen. Es kommt darauf an, dass alle mitziehen, denn der Neststandort muss unauffällig abgesteckt werden. Durch ein Quadrat oder Rechteck im Feld wir das Wiesenweihennest mit den Jungvöglen signalisiert.

Die abgesteckt Fläche beträgt um die 1.600m², eine im Vergleich zu den meist riesigen Getreideschlägen, in denen die Wiesenweihe im Landkreis Diepholz nistet, eine geradezu winzige Fläche. Dennoch wird in jedem Fall das Einverständnis der Landwirte (Eigentümer, Pächter) eingeholt, denn es ist anzuerkennen, dass die Flächennutzer durch Auslassen des abgesteckten Bereiches bei der Ernte einen Mehraufwand und ggf. Teilverlust haben. Mehraufwand der sich lohnt!

Was gibt es Schöneres, als dazu beigetragen zu haben, dass die ansonsten totgeweihten Wiesenweihenjungen von Ernteaktivitäten unbehelligt aufwachsen zu können. Und: Alle(!) angesprochenen Landwirte haben mitgemacht und den bisherigen Schutzerfolg so erst ermöglicht.

Was ist noch zu tun?

Aufklärungsarbeit über Brut-Vorkommen und die Notwendigkeit eines nachhaltigen Wiesenweihen-Schutzes ist auch weiterhin zu leisten.

Langfristig betrachtet sollen die Landwirte selbst vorhandene Wiesenweihen-Bruten auf ihren Feldparzellen entdecken, dann umsichtig Nest und Junge schützen und so zu "Artenschützern auf dem Feld" werden.

Das ist praktische Naturschutzarbeit, die zudem ohne großen Aufwand und ohne Kosten oder ohne umfangreiche Flächenansprüche zu leisten ist.

Mit großer Sorge sehen wir die aktuelle Entwicklung des Biogasanlagenbooms. Immer mehr Silomaisanbau auf Kosten auch der Getreideanbauflächen geht von statten und dafür können auch Getreideflächen im Mai - also genau zur Brut- und Setzzeit (!) - zur Silagebereitung gemäht werden, z.B. Grünroggen aber auch Wintergerste. Hier muss so schnell wie möglich nach Lösungsansätzen gesucht werden.

Was sollten Landwirte tun, wenn sie ein Wiesenweihennest finden?

Am besten nehmen Sie unmittelbar Kontakt zu örtlichen Naturschutzfachleuten auf, die sich einvernehmlich um den Brutplatz und das weitere Vorgehen kümmern.

Wiesenweihen schützen ist aktiver Artenschutz: Eine großartige Chance auf nutzbringende Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Naturschutz. Bisherige Kooperationen zeigen, dass das klappt!

Ansprechpartner für den Wiesenweihen-Nestschutz:

BUND Diepholzer Moorniederung,
Friedhelm Niemeyer
Langer Berg 15
49419 Wagenfeld-Ströhen
Tel. 05774-371

und
Dipl.-Biol. Volker Moritz
Feldstr. 32
26127 Oldenburg
Tel. 0441-664386

Volker Moritz, Friedhelm Niemeyer, Olaf Schmidt