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Ausgabe 2004

Vögel des Glücks - Tausende Kraniche auf dem Zwischenstopp im Landkreis Diepholz

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Kraniche in unserer Region - eine neue Entwicklung? Nein, das wäre ein Fehlschluss. Vogelkundliche Aufzeichnungen seit den 70'er Jahren weisen regelmässig rastende Kraniche aus. Auffällig ist jedoch die hohe Anzahl der Tiere, die hier ihren mehrwöchigen Zwischenstopp einlegen.

Die imposanten Vögel ziehen aus den nordischen Brutgebieten in die südlichen Überwinterungsgebiete. In diesem Jahr war der Höhepunkt des herbstlichen Vogelzugs bereits Ende Oktober erreicht, früher als im Vorjahr.

Über 22.000 Kraniche haben im Naturraum Diepholzer Moorniederung -der weite Teile des Landkreises Diepholz umfasst- in den renaturierten Hochmooren ihr Übernachtungsquartier gesucht und gefunden. Tagsüber konnten die Zugvögel auf den landwirtschaftlichen Flächen unweit der Hochmoore beobachtet werden. Dabei liefern die auf den Feldern zurück gebliebenen Reste der Maisernte energiereiches Futter. Das steht auf der Speisekarte ganz oben.

Mittlerweile ist die Region zum drittgrössten Kranichrastplatz in Deutschland und grössten in Westdeutschland herangewachsen. Das hat die Arbeitsgemeinschaft Kranichschutz Deutschland zum Anlass genommen, die diesjährige Kranichbetreuertagung erstmals hier vor Ort (Sulingen) durchzuführen. Vom 28. bis 31. Oktober 2004 stand der Kranich un die Entwicklung der Brut- und Rastgebiete mit besonderer Berücksichtigung des Landes Niedersachsen vier Tage lang im Mittelpunkt.

Auf zwei Exkursionen hatten die über 100 Teilnehmer Gelegenheit, deren Rast- und Nahrungsgebiete sowie die Lage der Hochmoore in der Kulturlandschaft kennen zu lernen. Für die bundesweit angereisten Teilnehmer waren die renaturierten Moore ein wahrer Augenschmaus, denn die überwiegend ostdeutschen Kranichbetreuer haben es vor allem mit kultiviertem Niedermoor, Seen, Acker, Buch- und Kiefernwäldern zu tun.

Während des Vogelzugs bietet der Landkreis Diepholz einen exklusiven Naturschauspielplatz, so das Fazit am Ende der erfolgreichen Tagung. Bleibt abzuwarten, was daraus zu machen ist.

Imke Schweneker - BUND Diepholzer Moorniederung
Foto: Margarete Bink

 

Verschollene "Schlatts" neu entdecken

Nachdem die Stiftung Naturschutz seit fast 20 Jahren bestehende Schlatts, die in ihren ökologischen Funktionen häufig stark beeinträchtigt waren, saniert und naturnah entwickelt hat, geht es jetzt um die Wiederherstellung historischer Schlattstandorte. Diese Standorte sind heute in der Kulturlandschaft verschwunden. Nach Starkniederschlägen ist ihre ursprüngliche Ausdehnung aber noch zu erkennen. Um Aussagen über die Wiederherstellbarkeit dieser ehemaligen Schlatts machen zu können, hat die Stiftung Naturschutz für einige Bereiche hydrogeologische Gutachten in Auftrag gegeben. Die grundsätzlichen Ergebnisse dieser Gutachten einschl. der Entstehungsgeschichte werden im Folgenden dargestellt.

Das Eiszeitalter in Nordwestdeutschland

b2004_02Foto: Gletscher in Patagonien
Quelle: wwwhephy.oeaw.ac.at/kraml, Foto S. Kraml

Die Oberflächengestalt Norddeutschlands wurde während der vergangenen 2 Mio. Jahre durch das Eiszeitalter (Quartär) geprägt. Die Gletscher und Schmelzwasserflüsse der Elster- (350 000 - 250 000 Jahre vor heute) sowie der Saale-Kaltzeit (235 000 - 125 000 Jahre vor heute) brachten große Mengen an Geschiebelehm (steiniger Lehm, Grundmoräne) und Schmelz-wassersand (Sand, z.T. Kies, z.T. steinig) nach Nordwestdeutschland, aus denen unsere heutige Landschaft aufgebaut ist. Während der Vereisungsperioden war Nordwestdeutschland von einem ca. 500 - 1000 m mächtigen geschlossenen Eispanzer überdeckt.

Diese beiden Kaltzeiten wurden durch die Holstein-Warmzeit unterbrochen. Auf die Saale-Kaltzeit folgte die ca. 10 000 Jahre andauernde Eem-Warmzeit. Während der Warmzeiten herrschten ähnliche klimatische Verhältnisse wie heute.

In der letzten Kaltzeit, der Weichsel-Kaltzeit (115 000 - 10 000 Jahre vor heute) erreichte das nordische Inlandeis (Gletscher) nicht mehr das heutige Niedersachsen. Bei sehr kaltem (arktischem bis tundrenartigem) Klima konnte sich allerdings lediglich eine lückenhafte Vegetation aus Gräsern, Flechten, Moosen und wenigen Kräutern ausbilden.

Es herrschte Permafrost, der Boden war dauerhaft bis in große Tiefen gefroren und taute in den Sommermonaten nur bis in ca. 0,6 m Tiefe auf.

Unter anderem wurde in dieser Zeit der im Landkreis Diepholz weit verbreitete Sandlöss abgelagert, der heute für eine relativ gute Bodenfruchtbarkeit sorgt.

Gebiete, die durch die Gletscher der Saale-Kaltzeit geprägt wurden, aber in der Weichsel-Kaltzeit nicht mehr vereist waren, werden als Altmoränengebiete oder Geest bezeichnet.

Neben Hochflächen und Talsystemen entstanden in den kalten Perioden des Eiszeitalters (Eiszeiten, Kaltzeiten) geschlossene Senken, die später teils als Seen, Tümpel oder als Moore in Erscheinung traten und von denen einige bis heute erhalten geblieben sind.

Besonders viele zumeist kleine Seen, Tümpel und Moore befanden sich bis Mitte des letzten Jahrhunderts im Landkreis Diepholz. Sie werden hier im regionalen Sprachgebrauch als "Schlatts" bezeichnet.

Für die Entstehung solcher geschlossener Senken (Hohlformen) gibt es verschiedene Möglichkeiten. Nachfolgend werden mit den Ausblasungswannen und Toteislöchern die beiden für den Landkreis Diepholz hauptsächlich zutreffenden Entstehungsarten beschrieben.

Ausblasungs- (Deflations-)wannen (=Schlatts)

b2004_03Abbildung 1: Profilschnitt "echtes Schlatt" =
Ausblasungswanne = Deflationswanne (idealisiert)
(G. Becker)
b2004_04Abbildung 2: Abschmelzender Gletscher mit Toteisblöcken, Eisfreie Landschaft mit Wasser gefüllten Toteislöchern

Ausblasungsfähiges Material (Sand oder Sandlöss) wird durch Wind abgetragen, so dass sich eine Senke bildet. Für diesen Vorgang darf höchstens eine lückenhafte Vegetationsdecke vorhanden sein. Dies war zuletzt während der Heidebauernzeit durch Überweidung und Plaggenhieb und davor während der Weichsel-Kaltzeit der Fall.

Toteislöcher (=Sölle)

Beim Abtauen der eiszeitlichen Gletscher zurückgebliebene einzelne Eiskörper versinken im durch Schmelzwasser aufgeweichten Untergrund. Bei weiterer Erwärmung des Klimas tauen sie ab und es entstehen geschlossene Senken, die teils bis heute Wasser gefüllt sind. Toteislöcher konnten im Gebiet letztmalig in der Saale-Kaltzeit entstehen.

Weitere hier nicht näher erläuterte Entstehungs-möglichkeiten sind "Pingos", Strudellöcher, Meteoritenkrater und Erdfälle.

Entstehung der "Schlatts" im Landkreis Diepholz nach neueren Ergebnissen

Ein Großteil der geschlossenen Senken im Landkreis befindet sich im ausgedehnten Syke-Goldenstedter Sandlössgebiet. Da der Sandlöss (Flottsand) ein ausblasungsfähiges Material ist und die meisten der Senken recht flach sind, wurde bisher davon ausgegangen, dass sie durch Windausblasung in der letzten Kaltzeit (Weichselkaltzeit) oder in der Heidebauernzeit entstanden sind.

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Abbildung 3:
Profilschnitt und Wasserhaushalt eines Toteislochs in der Scholener Heide nördlich Schwaförden. (G. Becker)

Die durch die Stiftung Naturschutz initiierten neueren geologischen Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Schlatts im Landkreis keine Ausblasungswannen sind. Der Sandlöss ist in der Senke nicht weniger mächtig als in der Umgebung der Schlatts. Bei einer Entstehung durch Ausblasung wäre eine gegenüber der Umgebung wesentlich geringere Mächtigkeit im Schlatt zu erwarten (s. Abb. 1). Zudem sind die tieferen und ältern Schichten offensichtlich abgesackt (s. Abb. 3). Daher ist die Entstehung als Toteisloch zum Ende der saalezeitlichen Vereisung wahrscheinlich.

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Schlatt bei Hittloge/Bruchhausen-Vilsen
(Foto: Jan Kanzelmeier)
Pastorenteich in Schwaförden / Staatshausen
(Foto: Jan Kanzelmeier)

Wasserhaushalt

Die Wasserversorgung der Schlatts erfolgt v.a. über das Niederschlagswasser. Bei hohen Grundwasserständen erfolgt eine zusätzliche Speisung aus dem Untergrund. Der im Gebiet verbreitete, dicht gelagerte Sandlöss verhindert als Stauschicht die schnelle Versickerung des Niederschlagswassers. In den Senken ist der Sandlöss von anmoorigem Schluff (Staubsand) überdeckt, von dem eine zusätzliche Stauwirkung ausgeht. Daher sind die Schlatts in gewissem Maße unabhängig von den durch Entwässerungsmaßnahmen in vielen Gebieten stark abgesenkten Grundwasserständen.

Trotz der Stauschichten ist heute der Geländewasserhaushalt der meisten ehemals Wasser führenden oder feuchten Schlatts stark gestört. Die Ursache liegt meistens in verschiedenen Beeinträchtigungen:

  • Künstliche Auffüllung
  • Gräben und Drainagen im Schlatt und in unmittelbarer Nähe
  • Bebauung
  • Zerstörung der Stauschichten
  • Eutrophierung
  • Acker- und Intensivgrünlandnutzung
  • Grundwasserabsenkungen

Wiederherstellung

Die weitgehende Wiederherstellung der als Lebensraum und für das Landschaftsbild sehr wertvollen Schlatts ist bei Einverständnis der Flächeneigentümer und Anlieger in den meisten Fällen recht einfach und Erfolg versprechend. Je nach Art der Beeinträchtigung sind dafür folgende Maßnahmen notwendig:

  • Beseitigung von künstlichen Auffüllungen
  • Beseitigung von Drainagen u. Gräben im Schlattbereich
  • "Reperatur" evtl. beschädigter Stauschichten
  • Anpassung der Nutzung im Umfeld
  • Wiederanhebung der Grundwasserstände

Gunnar Becker (Diplom Geograph)

Weiterführende Literatur:
EHLERS, J. (1994): Allgemeine und historische Quartärgeologie. 358 S.; Enke Verlag Stuttgart
BENDA, L [Hrsg.] (1995): Das Quartär Deutschlands.-:23-58; Gebrüder Bornträger, Berlin - Stuttgart.