Verschollener Gewässertyp ist wieder da

Schlatts wiederherstellt

Acht historische Schlatts sind im Landkreis Diepholz wiederhergestellt worden – darunter sind vier in Bruchhausen-Vilsen.

von Peter Cordes. Landkreis Diepholz. Das Projekt „Augen der Landschaft – neu entdeckt“ näherte sich mit der Abschlussveranstaltung in Drentwede schon fast seinem Ende. Projektleiter Jan Kanzelmeier und Projektkoordinator Kai Backhaus hatten im Auftrag der Stiftung Naturschutz im Landkreis Diepholz zu einem Informationsnachmittag eingeladen. Vertreter der Deutschen Bundesstiftung Umwelt aus Osnabrück, des Amtes für regionale Landesentwicklung Leine-Weser aus Sulingen, des Verbandes der Teilnehmergemeinschaften, der Samtgemeinde Barnstorf, der Gemeinde Drentwede, des Landkreises Diepholz, der Stiftung Naturschutz und des Fördervereins der Stiftung Naturschutz waren der Einladung gefolgt.

Vorgestellt wurden die Erfolge des in der Zeit vom 28. Januar 2013 bis 31. Dezember dieses Jahres laufenden Projekts am Beispiel des Mühlenschlatts in Drentwede. Acht historische Schlattstandorte konnten auf fünf Projektflächen mit einer Gesamtgröße von über 20 Hektar im Landkreis Diepholz wiederhergestellt werden. Neben Projekten in der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen (zwei in Homfeld-Wöpse, eins in Ochtmannien-Weseloh, eins in Scholen) und im Delmetal weisen die drei „Mühlenschlatts“ in Drentwede mit einer Grundfläche von 7,2 Hektar und einer Wasserfläche von 1,65 Hektar die höchsten Flächenanteile aus.

Mit dem Projekt „Augen der Landschaft – neu entdeckt“ sollen modellhaft ehemals und inzwischen stark beeinträchtigte oder verschollene Standorte des regionaltypischen Gewässertyps „Schlatt“ wiederhergestellt werden. Sie sollen über technische Maßnahmen wieder in einen möglichst naturnahen Zustand gebracht werden. Der Landkreis Diepholz bietet mit seinen verschiedenen Landschaftseinheiten – von der Wesermarsch, der Geest, den Mooren, den Heiden, dem Dümmer bis zum Stemweder Berg ganz im Süden – eine abwechslungsreiche Landschaft, wie sie in kaum einer anderen Region vorkommt.

Mit „Schlatt“ bezeichnet man ein naturnahes, stehendes, meist abflussloses Kleingewässer von geringer Tiefe, das von Oberflächenwasser gespeist wird und vom Grundwasser weitgehend unbeeinflusst ist. Einzeln können solche Gewässer Zu‑ und Abflüsse von Bächen haben. Das Wasser wird durch eine wasserhaltende Schicht gestaut. Schlatts können zeitweilig wasserlos werden. Sie sind kennzeichnend für eine nährstoffarme Geestlandschaft, als Wasserausblasungsmulden entstanden. Ihre geologische Grundform entwickelte sich in den letzten Eiszeiten.

Mehr als 1000 Schlatts gab es in der Region des Landkreises Diepholz. In dem fast fünf Jahre andauernden Projekt wurden zunächst historische Schlattstandorte auf der Basis historischer Karten und Luftbilder im Vergleich mit der heutigen Situation ermittelt. Voraussetzung für die Wiederherstellung alter Schlattstandorte war die hydrogeologische Erkundung der Hohlform und ihrer Umgebung mittels mehrerer Bohrungen. Auf der Basis der Ergebnisse der hydrogeologischen Erkundungen sollte die technische Durchführbarkeit anhand verschiedener Ausgangssituationen in der Praxis erprobt werden.

Die Bedeutung von Feuchtgebieten

Anhand der georefenzierten Lagen der historischen Schlattstandorte im Abgleich mit der aktuellen Situation wurde eine statistische Auswertung durchgeführt. Insgesamt wurden in den ausgewählten Untersuchungsgebieten 522 historische Schlattstandorte mit einer Gesamtfläche von 326,56 Hektar festgestellt. Heute befinden sich in diesen Untersuchungsgebieten noch 117 Gewässerstandorte. Im Rahmen des Projektes konnten acht historische Schlattstandorte auf einer Gesamtfläche von 21,3 Hektar hergestellt werden. Die Projektgesamtkosten belaufen sich auf 241 000 Euro. 100 000 Euro hiervon hat die Deutsche Bundesstiftung Umwelt als Fördermittel bewilligt. 141 000 Euro übernimmt die Stiftung Naturschutz im Landkreis Diepholz, wovon 120 000 Euro als Zuschüsse der verschiedenen Flurbereinigungsverfahren und 21 000 Euro als Eigenanteil der Stiftung Naturschutz zur Verfügung gestellt werden.

Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Naturschutz, Heinz Brinkmann, begrüßte noch auf der Busanfahrt zu den Schlatts die interessierten Gäste, nicht ohne seinen Dank an die Projektpartner zu übermitteln. Während auch Jan Kanzelmeier während der Anfahrt im Bus noch viele Informationen über die einzelnen Schlatts vermittelte, erklärte Kai Backhaus an den drei Mühlenschlatts die in der Praxis durchgeführten Arbeiten. Als stellvertretender Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt nutzte Werner Wahmhoff direkt am fertiggestellten Projekt die Möglichkeit darauf hinzuweisen, dass mit der erfolgreichen Herstellung solcher Gewässer entscheidende ökologische Vorteile für die jeweiligen Landschaftsausschnitte erreicht werden. „Feuchtgebiete haben eine enorme Bedeutung für die Biodiversität in Deutschland. Auch die Schlatts der Stiftung Naturschutz sind Hot-Spots der Artenvielfalt“, sagte Wahmhoff.

Auch die Landesbeauftragte für regionale Landesentwicklung, Karin Beckmann, dankte für die gute Zusammenarbeit. Mit dem Instrument der „Flurbereinigung“ könne über die Interessen des Naturschutzes und der eventuell betroffenen Landwirte so lange verhandelt werden, bis am Ende für alle ein Gewinn dabei herauskommt. Bestätigend stimmte der Dezernatsstellenleiter des Amtes für regionale Landesentwicklung Leine-Weser, Olaf Stührmann, mit ein. Durch die erzielte Einigkeit und Zufriedenheit aller Beteiligten ändere sich nicht zuletzt auch das Bewusstsein. Andere Gemeinden versuchten die Chance zu nutzen, alte Sachen wiederherzustellen, sagte Stührmann.

Auch Landrat Cord Bockhop ließ es sich in seiner Eigenschaft als Präsident der Stiftung Naturschutz im Landkreis Diepholz nicht nehmen, seinen Dank an alle Projektbeteiligten zu überbringen. Er dankte den beteiligten Einrichtungen wie auch der Berufsgruppe der Landwirte für das gegenseitige Verständnis.

Das richtige Leben mit der Natur ist nach den Worten von Cord Bockhop aber keine Selbstverständlichkeit. An dem eigenverantwortlichen Handeln eines jeden Einzelnen muss immer wieder gefeilt werden, damit es sich lohnt Projekte wie „Augen der Landschaft – neu entdeckt“ auch zukünftig zu unterstützen.

Quelle: Syker Kurier vom 01.11.2017