Rotbuche fällt Riesenporling zum Opfer

Pilzbefall den Verantwortlichen lange bekannt / Was mit Baum passiert, ist noch unklar / Teile sollen vor Ort verbleiben

Brockum - Von Heinrich Klöker. Sie war einzigartig, landschaftsprägend und stürzte kurz vor Weihnachten in Folge eines Sturmes um: Die 150 Jahre alte dreistämmige Rotbuche am Fuße des Stemweder Berges in Brockum. „Das war mein Lieblingsbaum“, sagt Jan Kanzelmeier von der Stiftung Naturschutz im Landkreis Diepholz mit Bedauern. Die Stiftung ist als Flächeneigentümer für Anlagen und Bäume in diesem Bereich zuständig. Als der Baum vor wenigen Wochen umgestürzt war, vermuteten Interessierte sofort einen Pilzbefall als Ursache.

Dr. Inge Uetrecht aus Stemwede-Arrenkamp untersuchte die Rotbuche nach einem Artikel in dieser Zeitung über den umgefallenen Baum.

Im vergangenen Jahr absolvierte die zertifizierte Natur- und Landschaftsführerin eine Fortbildung zum Pilz-Coach der Deutschen Gesellschaft für Mykologie. Die Diplom-Agraringenieurin des Gartenbaus ist von den Baumpilzen fasziniert. „Unter den Holz zerstörenden Pilzen gibt es eine ganze Anzahl gefährlicher Arten, die Bäume bruchanfällig werden lassen“, erklärt sie und ergänzt: „Wie in diesem Fall rechtzeitig erkannt wurde, ging von den drei Buchenstämmen eine große Gefahr aus. Jetzt hat sich gezeigt, dass die Sicherung dem Sturm nicht standhalten konnte“.

Nach einer Untersuchung des Baumes sei zu vermuten, dass die Buchen vom Riesenporling (Meripilus giganteus) befallen waren. „Wie im Bild gut zu erkennen ist, sind die haltgebenden Wurzeln komplett abgerissen. Die Ursache ist eine Weißfäule, die das Wurzelsystem befällt“, schreibt die Fachfrau. Die drei Baumstämme seien noch intakt gewesen, aber Kennern werde aufgefallen sein, dass die Vitalität nachgelassen habe und das Blattwerk nicht mehr so dicht wie in früheren Jahren gewesen sei.

„Wenn die Wurzeln durch den Pilzbefall faulen und schließlich absterben, bricht die Wasserversorgung für den Kronenbereich ab. Solange ein Baum vital genug ist, neue Feinwurzeln zu bilden und den Stammfuss durch zusätzlichen Holzaufbau zu verstärken, bleibt der Baum oft über viele Jahre standsicher“, erklärt die Expertin. Der Riesenporling führe zu einer Weichfäule, bei der neben der Cellulose auch die Lignine, die „Holzstoffe“, gespalten würden. Es bleibe eine faserige weiche, leicht zerbröselnde Masse zurück.

Die Bestimmung des Riesenporlings könne nur sicher erfolgen, wenn die Fruchtkörper erscheinen. Zwischen den Stämmen sei der schwarz gewordene Rest eines Porlings zu erkennen. In der Zeit von Juli bis Oktober würden die auffälligen gelbbraunen Riesenporlinge am Fuße befallener Stämme erscheinen. Vor dem ersten Auftreten eines Fruchtkörpers habe der Pilz allerdings schon viele Jahre lang unentdeckt, weil unterirdisch, sein „Unwesen“ getrieben. Nach dem Umstürzen und damit der oberflächlichen Entfernung würden im kommenden Spätsommer vermutlich nochmals Fruchtkörper auftreten. Die Hyphen, die „Wurzeln“ der Pilze, lebten noch im Boden und würden versuchen, sich über die Sporen weiter zu verbreiten.

„Wir sind überrascht und hatten vermutet, dass der Baum noch eine Vegetationsperiode übersteht“, erklärte Jan Kanzelmeier von der Stiftung. Zum Herbst/Winter 2015/2016 hätte der Baum kontrolliert von oben abgebaut werden sollen.

Der Fachmann bestätigt die Angaben Uetrechts, dass die Rotbuche dem Riesenporling zum Opfer fiel. Bereits vor vier bis fünf Jahren sei festgestellt worden, dass der Baum von diesem Pilz befallen gewesen sei.

In Abstimmung mit einem Baumgutachter seien rechtzeitig Sicherungsmaßnahmen ergriffen worden. So wurde der Bereich um die Rotbuche eingezäunt, damit Menschen nicht mehr in ihre unmittelbare Nähe gelangen konnten, und Äste mit Gurten gesichert. Kanzelmeier: „Pilzbefall und Anfälligkeit des Baumes waren lange bekannt. Allerdings haben wir die Mühen und den Kostenaufwand bewusst in Kauf genommen, um den Baum wegen seiner Einzigartigkeit so lange wie möglich zu erhalten.“

Sobald klar sei, welche Stämme und Äste am Stemweder Berg belassen werden und ob noch Sicherheitsvorkehrungen notwendig sind, werde die Öffentlichkeit informiert.Die Rotbuche sei einer der dicksten Einzelbäume im Landkreis gewesen. Zudem verfügte das Gewächs wegen seiner Dreistämmigkeit über eine weitere Besonderheit. Es war breiter als hoch. Bei einer Höhe von 24 Metern bezifferte Kanzelmeier die Breite auf 25 bis 28 Meter.

Was mit dem umgestürzten Baum nun passiert, ist noch unklar. „Unsere Überlegungen dazu sind noch nicht abgeschlossen“, äußerte der Fachmann. Klar ist bereits, dass wesentliche Bestandteile vor Ort, in der Nähe der großen Streuobstwiese, die über den Weg „Auf den Bröken“ zu erreichen ist, verbleiben sollen. „Unser erstes Ziel ist es nicht, Feuerholz zu gewinnen“, verdeutlichte Kanzelmeier.

Quelle: Kreiszeitung vom 10.01.2015